Die Nation, das komische Tier

Der Nationalismus ist ein komisches Tier: Zunächst wollte ihn niemand, dann schien er zu funktionieren (oder zumindest nicht schädlich zu sein), dann wurde er faschistisch und heute? Keine Ahnung. Irgendwie scheint er mehr im Weg zu stehen als dass er für irgendwas nützt. Für mich ist der Begriff ganz klar negativ konnotiert, dabei ist der Begriff der Nationalität doch zunächst nichts anderes als ein ganz simpler Fakt. Eine Eintragung im Ausweis, die mich als Angehöriger eines Staates ausweist. Oder etwa nicht?

Nun, was ist denn der Unterschied zwischen Staat und Nation? Irgendwie hat man da so ein Gefühl, kann es aber nicht Worte fassen. Warum gibt es denn beides, wenn es doch quasi das Gleiche meint? Oder tut es das gar nicht?

Ich bin mehr verwirrt, als dass ich darauf eine brauchbare Antwort liefern könnte. Wobei: Nationalität bedeutet ja nicht automatisch Nationalismus. Was ist denn Nationalismus überhaupt? Ist es nicht genau wie beim Rassismus, wo man die Welt (= die Menschen) in Rassen aufteilt und anschließend anhand der Rassen beurteilt?

Bei Nationalismus fallen mir momentan in erster Linie irgendwelche Türken ein, die Erdogan bejubeln und türkische Fahnen schwingen. Für mich ist das ganz klar nationalistisch. Ich wüsste jetzt nur nicht, wo da irgendeine Beurteilung stattfindet, dass man die türkische Nation jetzt höher stellt als andere Nationen. Vielleicht bin ich auch blind für sowas. Bei mir gibt es so Sachen wie ein bewusstes Bekenntnis zu einer Nation nicht. Was ist denn schon eine Nation? Ein fiktives Kollektiv. Irgendwas, mit dem wir uns wieder als irgendeine Gruppe zusammenfassen lassen. Was hab ich denn mit jemandem zu tun, der am anderen Ende des Landes wohnt? Was habe ich weniger mit jemandem zu tun, der noch mal ein paar Kilometer weiter weg wohnt und daher einer anderen Nation angehört?

Es fällt überhaupt schwer, die Gründe oder Merkmale für die Bildung einer Nation zusammenzufassen: Man könnte an die Sprache denken, aber in Nationen wurden viele Sprachen zusammengefasst und erst danach wurde eine “nationale” Sprache festgelegt. Es war dabei unerheblich, wie viele Menschen innerhalb der Nation diese Sprache auch wirklich sprachen. Viele Länder unterscheiden zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Die Sprache ist also nicht wirklich ein Kriterium.

Auch eine Volkszugehörigkeit war kein Kriterium (was heißt das überhaupt: Volk?). Es gibt Nationen, die viele Völker unter sich vereinen. Wobei, kann man überhaupt von “vereinen” sprechen? Irgendwer hat halt irgendwann mal ‘ne Grenze drumgezogen und das Ganze zur Nation erklärt.

Wobei nicht mal das stimmt: Zieht man ‘ne Grenze drum, ist’s wohl eher ein Staat oder Territorial-Staat, der dabei herauskommt.

Ach, Nation, du komisches Tier. Ich werde mit dir wohl nicht glücklich …