Wir haben gar keine Demokratie

Wie ich gestern etwas ausschweifender formulierte, haben wir gar keine Demokratie in Deutschland. Noch weiter verallgemeinert: Wir haben nirgendwo eine Demokratie, wo die Repräsentanten - insofern es sich um eine repräsentative Demokratie handelt - ausschließlich “gewählt” werden. Wahlen sind manipulierbar, Wähler sind manipulierbar und allein die Vorauswahl zu wählender Kandidaten ist zutiefst undemokratisch. Wahlen sind per Definition undemokratisch, wie bereits Aristoteles vor über 2000 Jahren formulierte:

“Ich bin beispielsweise der Meinung, dass es als demokratisch anzusehen ist, wenn die Herrschenden durch das Los bestimmt werden, während Wahlen als oligarchisch betrachtet werden müssen.”

Das Prinzip der Demokratie selbst ist bereits über 2500 Jahre alt. Demokratische Wahlen werden erst seit ca. 200 Jahren als entscheidendes Demokratie-Merkmal angesehen. Wahlen wurden eingesetzt, gerade um das Volk/den Demos von der Entscheidungsgewalt fernzuhalten. Die Entscheidungsträger trauen dem Volk schlicht nicht über den Weg. Früher nicht. Heute nicht. Die Entscheidungsträger - in der Regel irgendwelche reichen “Eliten” - fürchten um ihre Pfründe.

Darum sind auch so Dinge wie eine herbeigedichtete Wahlpflicht, weil angeblich Menschen für unsere heutige “Demokratie” gestorben sind, Unsinn. Wer ist gestorben? Die Kämpfer für die Französische Revolution? Die von einer “Herrschaft des Adels” zu einer “Herrschaft der Reichen” wechselten? Gekämpft haben alle Klassen zusammen, den Sieg haben sich die Reichen unter den Nagel gerissen. Wenn also unterstellt wird, man müsste wählen gehen, weil Menschen dafür gekämpft haben und gestorben sind, ist dies in Teilen möglicherweise richtig (im Sinne von: Menschen haben dafür gekämpft), das Ziel “Demokratie” haben sie trotzdem nicht erreicht. An unserer heutigen Aristokratie oder Oligarchie teilzunehmen, tritt das Erbe dieser Menschen mit Füßen. Der Kampf um echte Demokratie müsste erst erneut aufgenommen werden, wollte man irgendeine Verpflichtung aus ihrem Vermächtnis herleiten.

Nur am Rande bemerkt: Haben diese Leute für Demokratie oder für das Recht zu wählen gekämpft?

Mein größtes Problem an der ganzen Geschichte ging in meinem gestrigen Artikel möglicherweise unter:

Wir sollten also entweder aufhören von Demokratie zu reden oder eine wirkliche “Herrschaft des Staatsvolkes” umsetzen. Was wir momentan haben, könnte nicht weiter davon entfernt sein.

Mein größtes Problem ist gar nicht unbedingt, dass wir gar keine Demokratie haben. Mein größtes Problem an der Sache ist, dass alle Welt es trotzdem “Demokratie” nennt. Das ist schlichtweg falsch. Hauptanliegen eines jeden Staates sollte das Wohl seiner Bevölkerung sein (sowie das friedliche Nebeneinander aller Staaten und Nationen). Ob dieses von wissenschaftlichen Experten (Technokratie) erforscht und umgesetzt oder von Computern (Computerkratie?) ausgerechnet wird, ist mir dabei erst mal egal.

Mir schwant gerade eher, dass die Leute, die ständig von Demokratie sprechen, gar keine wirkliche Demokratie möchten: Oder zweifeln Sie etwa nicht an der Kompetenz eines regierenden repräsentativen Bevölkerungsquerschnitts aus sämtlichen Bevölkerungsklassen, -schichten und Lebensbereichen im Vergleich zu studierten Akademikern, Parteien und Berufspolitikern?